Filippo Ganna schlägt Wout van Aert auf der Linie – Dramatisches Finale beim Dwars door Vlaanderen 2026
Roeselare–Waregem, 184,6 km | 1. April 2026
Ein Herzschlagfinale für die Geschichtsbücher
Der Italiener Filippo Ganna gewann das 80. Dwars door Vlaanderen und holte dabei in den letzten 100 Metern den Belgier Wout van Aert noch ein, um seinen ersten Klassikersieg in Waregem zu feiern. Was sich auf den letzten Kilometern abspielte, dürfte noch lange im Gedächtnis der Radsportfans bleiben – ein einsamer Angriff, ein verzweifeltes Verfolgen, und ein finaler Sprint, der alles auf den Kopf stellte.
Hektischer Auftakt in Roeselare
Von dem Moment an, als die Startflagge in Roeselare fiel, wurde das Rennen in vollem Tempo gefahren. Eine Flut früher Angriffe verhinderte, dass sich eine sofortige Ausreißergruppe festigen konnte, während das Peloton trotz ständiger Vorstöße in den ersten Kilometern immer wieder zusammenkam.
Dieser aggressive Start hatte seinen Preis: Ein Sturz in der Rennmitte brachte das Peloton durcheinander und zwang sowohl Dylan Teuns als auch Jenno Berckmoes zum Aufgeben – Letzterer wurde ins Krankenhaus gebracht. Mechanische Probleme beeinträchtigten vorübergehend auch Fahrer wie Van Aert und Jasper Philipsen und sorgten für weitere Unruhe im ohnehin nervösen Feld.
Die erste entscheidende Ausreißergruppe
Erst nachdem das Rennen die frühen Anstiege erreichte – darunter Volkegemberg und Berg Ten Houte – nahm eine wirklich bedeutsame Bewegung Gestalt an. Eine große und starke Gruppe von etwa 20 Fahrern setzte sich ab, mit Vertretern fast jedes großen Teams. Darunter Christophe Laporte und Matthew Brennan für Team Visma, Mads Pedersen und Soren Kragh Andersen für Lidl-Trek sowie Florian Vermeersch und Benoît Cosnefroy für UAE. Auffällig abwesend waren jedoch Van Aert und das gesamte Alpecin-Premier-Tech-Aufgebot.
Dieses Ungleichgewicht prägte sofort das Geschehen dahinter: Da Alpecin die Gruppe verpasst hatte, wurden sie auf die Front des Pelotons gedrängt, wo sie gemeinsam mit INEOS Grenadiers und Lotto-Intermarché eine anhaltende Verfolgung organisierten – bis die Ausreißer schließlich im Hügelbereich wieder gestellt wurden.
Van Aerts langer Solo-Angriff – der Moment des Rennens
Das Rennen brach auf den Kopfsteinpflaster-Abschnitten des Eikenberg endgültig auseinander. Van Aert startete einen entscheidenden Angriff, distanzierte zunächst seine unmittelbaren Verfolger und bridgete dann zur Spitze, um eine neue Führungsgruppe mit Romain Grégoire und Larsen zu bilden. Die drei setzten sich schnell ab; Van Aert trieb das Tempo voran, während der Vorsprung auf bis zu 40 Sekunden anwuchs und das Peloton keine kohärente Verfolgung organisieren konnte.
Auf dem Nokereberg erhöhte der Belgier den Druck erneut. Grégoire wurde unter den wiederholten Attacken distanziert, sodass Van Aert mit Larsen an der Spitze in die entscheidende Phase eintrat. Statt sich mit einem Mitstreiter zu arrangieren, forcierte Van Aert das Tempo weiter, ließ schließlich auch Larsen stehen und ging alleine auf einen langen Solo-Vorstoß – mit noch über 30 Kilometern bis zum Ziel.
Gannas gewaltiger Schlusssprint – der letzte Akt
Im Hinterfeld reorganisierte sich das Rennen. Ein fragmentiertes Peloton fand wieder zusammen; Fahrer wie Ganna und Laurence Pithie drängten an die Front der Verfolgergruppe, während Soudal-Quick Step und Lidl-Trek zu einer strukturierteren Jagd beitrugen. Dennoch hielt Van Aert standhaft durch – selbst in den letzten zehn Kilometern bewahrte er seinen knappen Vorsprung und beschleunigte aus jeder Kurve heraus, um die Verfolger auf Abstand zu halten.
Doch der Rückstand schmolz unerbittlich. Ganna, mit seiner enormen Motorleistung, kämpfte sich durch die letzten Kilometer heran und holte den verblüfften Belgier auf den allerletzten Metern ein – ein Sprint reichte, um an Van Aert vorbeizuziehen und die Arme hochzureißen. Ein Moment des ungläubigen Staunens: für Van Aert eine weitere bittere Niederlage in diesem Rennen, für Ganna das Ende einer langen Warte auf den ersten großen Klassikersieg.
Das Podium
Hinter Sieger Filippo Ganna (INEOS Grenadiers) belegte Wout van Aert (Team Visma | Lease a Bike) den zweiten Platz. Søren Wærenskjold (Uno-X Mobility) komplettierte das Podium als starker Dritter.
Ganna und seine historische Einordnung
Der Sieg ist Gannas 39. Karrieresieg. Der Zeitfahr-Weltmeister und dreifache Olympiamedaillengewinner – darunter Gold von Tokio 2020 in der Mannschaftsverfolgung – hat sich damit erstmals in die Siegerliste eines großen Eintagesklassikers eingetragen. Es war sein dritter Saisonsieg 2026, und nach eigener Aussage der wichtigste: „Ich denke, es ist der bedeutendste, besonders hier an der Universität des Radsports.” Über die Teamleistung zeigte er sich überschwänglich: „Das Team hat heute eine unglaubliche Arbeit für mich geleistet – ich versuche, das mit diesem Sieg zurückzugeben.”
Van Aerts Fluch geht weiter
Für Wout van Aert ist das Dwars door Vlaanderen ein Rennen, das ihn einfach nicht loslässt. Nach dem schweren Sturz 2024 folgte 2025 ein zweiter Platz, als Neilson Powless es schaffte, gleich drei Visma-Fahrer im Zielsprint zu schlagen. Nun wieder Platz zwei – dieses Mal in den letzten Metern auf der Linie abgefangen, nach einem kraftraubenden und mutigen Solo-Angriff. Die Enttäuschung dürfte grenzenlos sein, die Form für die Flandern-Rundfahrt am Sonntag jedoch ist unübersehbar.
Historischer Kontext
Dwars door Vlaanderen begann 1945 als „Dwars door België” – zunächst als zweitägiges Etappenrennen, seit 1965 als Eintagesrennen, seit 2000 unter dem heutigen Namen. Mit dem heutigen Triumph schreibt sich Filippo Ganna als 64. Sieger in die Geschichtsbücher dieses traditionsreichen Klassikers ein.
Ausblick: Flandern-Rundfahrt am Sonntag
Die WorldTour-Klassikersaison setzt sich bereits am Sonntag, 5. April, mit der Flandern-Rundfahrt fort, dem zweiten Monument des Jahres. Nach dem heutigen Ergebnis dürften die Kräfteverhältnisse neu bewertet werden – Van Aert zeigte trotz der Niederlage eine beeindruckende Form, während Ganna mit Rückenwind aus Waregem ins Wochenende geht.
Ein Tag, der einmal mehr zeigt, warum die flämischen Frühjahrsklassiker zum Feinsten gehören, was der Radsport zu bieten hat – Taktik, Kraft, Mut und ein Finale, das einem den Atem verschlägt.
Ergebnis <<<<
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