So. Dez 15th, 2019

Die haarsträubenden Reisen des Holger Halloney. Der Giro D’ Italia

6 min read

Kaum hatte ich meine Haustüre geschlossen, stand mein Vermieter hinter mir. 

“Na, Hallony, wollen sie sich mal wieder mal verdrücken?” Er spielte damit auf meine Gepäckstücke an, die ich gerade im Auto verstauen wollte.

Wenigsten sprach er nicht von den acht ausstehenden Monatsmieten, die ich ihm noch  schuldete.  ” Ich muss mal wieder zu einem Radrennen. Diesmal geht es nach Italien.

” Ha, Halloney, sie und Radsportreportagen. Sie kommen damit nie auf einen grünen Zweig. Wer klickt denn im Internet schon auf ihre Berichte? Sie fahren sicher zu den Itakern, um bei der Zitronenernte zu helfen!”

Um ihn nicht vorzeitig auf seine ausstehende Miete zu bringen, grinste ich nur blöd, setzte mich ins Auto und gab Gas. Eine Bekannte hatte mir das Fahrgeld als Vorschuss gegeben, weil ich ihr einige Fotos von ihren untreuen Mann in flagranti zugesteckt hatte und ich hoffte außerdem, mich dort unten irgendwie durchschnorren zu können. Auch sollten um diese Zeit an sich noch reife Apfelsinen an den Bäumen rumhängen.

Die Schweiz ist ein schönes Land. Leider haben sie die Autobahnmaut erfunden. Sie hätten es bei der Schokolade belassen sollen. Außerdem haben sie da ein Gebirge mitten im Weg rumstehen. Und es gibt nur zwei Pässe, die im Winter offen gehalten werden, ohne dass man die Autobahnmaut bezahlen muss. Ich nahm den einen davon und wünschte allen Anwesenden ein herzliches Grüezi miteinand.

Als in in Bologna einrollte, hatte ich noch keinen einzigen Zitronenbaum gesehen. Dafür einen riesigen Arsch, den sie hier Po nennen. Mir wären jetzt Spaghetti Bolognese lieber gewesen, aber der Veranstalter zickte noch ein wenig rum. Ich aß das letzte meiner mitgebrachten Butterbrote und dachte, dass jede Sache noch ein wenig steigerungsfähig ist. Auch konnte ich mich mangels passenden Bäumen nicht zum Mundraub hinreißen lassen.

Die Italienische Welt hatte ich mir anders vorgestellt. Irgendwie größer. Die umherwuselnden Italiener hatten alle ein Schild mit der einer rosa Schleife um den Hals hängen. So ein Ding holte ich mir auch. Und auch so einen riesigen Aufkleber für die Windschutzscheibe. Den hatten sie alle. Damit konnten man aus der italienischen Welt wieder herausfahren, ohne das man Parkgebühren bezahlen musste. Das war schon mal ein Anfang. Da sie mich nun für ihresgleichen hielten, konnten sie mir die Frage nach dem Nachtisch auch beantworten. Es gab keinen.

Einen Tag später begann das Spektakel im Zentrum von Bologna. Tausende von ahnungslosen Touristen fragten sich, warum da ein Engländer namens Brailsford mit einem Mc Laren und zwei drauf geschraubten Rennrädern durch die abgesperrte Innenstadt fuhr. Ich hätte es ihnen erklären können, da sie aber ohnehin mein Journal nicht lasen, verkniff ich es mir. Die Mädels, die die Veranstalter immer für die Podiumsgestaltung engagieren, würden den heiratswilligen Käufern in Arabien sicherlich einige Kamelherden abverlangen. Die beiden Radsportteams aus diesen Ländern halten sich zurück. Die Fahrer sind eh meist Italiener und  so was gewohnt.

Ein junger Japaner bekommt den meisten Beifall des Tages. Der Moderator heizt das Publikum ordentlich ein. Es ist sein letzter für dieses Rennen. Er unterschreitet auf den 8 Kilometern das Zeitlimit und darf am nächsten Tag nicht mehr an den Start gehen.

Ich schon. Auf wunderbar  von der Polizei abgesperrten Straßen. Die Straßen selber sind nicht ganz so wunderbar, es reiht sich Riss an Schlagloch. Paris Roubaix ist dagegen eine gepflegte Radrennbahn. Mit genügend Geschwindigkeit lassen sich die Schwierigkeiten überbrücken. Blitzlicht und rote Ampeln gelten auf den gesicherten Straßen nicht als Grund für ein Bremsmanöver.

Die folgenden Tage verbracht ich damit, Leute in Radsportklamotten zu fotografieren. Die Jungs fuhren auf ihren Rädern die gleiche Strecke wie ich ab. Nur durfte ich ab und zum mal anhalten und Fotos machen- Dafür hatte ich dann keinen durchgescheuerten Po. Hinter dem Zielstrich drängeln sich die anderen Fotografen. Es gilt die Regel, dass der, der das größte Rohr hat, ganz vorne sitzen darf. Besser wäre es umgekehrt. So sehe ich  an die 100 Rücken. Was in diesem Fall nicht gerade entzücken tut. Die Jungs auf den Rädern sind auch nur gut gelaunt, wenn sie oder ein Teamkollege als erster auf den Fotos zu sehen ist. So sieht man meist 150 schlecht gelaunte Jugendliche an sich vorbeifahren. Immerhin haben die meisten davon ein Mindestgehalt von 40000 Euro im Jahr. Vielleicht… 

Als es in Terracina mal besonders stark regnet, beschließe ich mir die Zieldurchfahrt zu verkneifen. Meine Kollegen, die das nicht können, reden einen Tag nicht mit mir. Mein italienisch ist eh nicht so gut. Dafür darf ich mir am Abend neben einen Supermarkt ein Plätzchen suchen. Der Regen ist so stark geworden, dass man die Schlaglöcher auf den Straßen nicht mehr sieht. Zu Essen gibt es trocken Brot  und billigen Rotwein.

Am nächsten Tag habe ich Italien durchquert, von West nach Ost. Ich bin nun auf dem Gargano an der Adria. Hier  gibt es viele Zitronenbäume. Aber ich habe in der Zwischenzeit auch schon einige gesehen und weiß nun, dass die recht sauer schmecken, die Zitronen. Nach dem Rennen finde ich einen schönen Platz mit Aussicht. Ein Typ im Wagen hält und quatscht mich an. Ich denk, der sagt ich soll mal schön verschwinden. Aber er will nur Schnaps. Ich tue so, als hätte ich keinen und zeige ihm die Flasche mit dem Wasser. Da deutet er auf seine, lacht  und verschwindet.

Am nächsten Platz, an einen anderen Ort, in der Einöde fast direkt am Meer. In der Nähe gibt es auch ein Gefängnis. Mann, haben die eine Aussicht auf die Adria. In bin einen löchrigen Feldweg  zwei Kilometer lang bis an sein Ende gefahren. Habe zwischen zwei Pfützen gewendet, meinen Campingtisch ausgeklappt und schreibe nun Geschichten vom Radsport. Mitten in der freien Natur. Da kommt ein Pärchen in einen kleinen Fiesta angeknattert. Sie drehen die Musik laut auf und knattern erwartungsvoll mit dem Motor. Ich höre gerne italienische Musik. Den Motor überhör ich einfach.  Als ich meine Kameras in den Wagen lege, verziehen sich die beiden. In der Abenddämmerung mache ich einen keinen Spaziergang. Plötzlich steht ein riesiges  Wildschein vor mir. Wir haben beide einen gewaltigen Schrecken. Seiner ist größer. Es grunzt und verzieht sich. Mit ihm die anderen 10,  die auch noch in den Büschen lauern.

Später lehne ich gegen meine Wagentür und will mich gerade ins Auto legen, da sehe in 100 m Entfernung vier Wölfe über die Wiese laufen. Ob die Jagd auf Wildscheine machen? Die Autotür bleibt in der Nacht jedenfalls verschlossen.

Als ich Italien umrundet hatte, war ich wieder in der Gegend von Rimini. An einen noch nicht so gut besuchten Teutonengrill traf ich am Strand zufällig auf meinen Vermieter.

“Ha, Halloney, da sind sie ja!” begrüßte er mich, ehe ich mich ungesehen aus dem Staub machen konnte. 

” Habe ihre Seite 5 mal angeklickt und mir gedacht, ich könne doch auch mal ein paar Tage im Süden verbringen. Schlechtes Wetter, Halloney schlechtes Wetter. Und ich dachte, sie würden wie üblich übertreiben.”

Ich zuckte nur die Achseln.

” Aber ich bin hier gut untergekommen. Für 500 Euro am Tag, bekommt man schon was Ordentliches. Und das Essen, Halloney, das Essen! Kommen sie doch mit. Ich lade sie ein. Sie sehen ja ganz verhungert aus.”

Solche sozialen Töne kannte ich gar nicht von ihm. Von der Woche seiner Hotelkosten hätte ich bequem meinen Mietrückstand ausgleichen können. Als wir am Tisch saßen, bekam er die leckersten Speisen serviert. Das komplette italienische Menu mit 5 Tellern. Vor mir stand eine Karaffe mit Leitungswasser.

“Greifen sie doch zu, Halloney,” sagte mein Vermieter, wischte sich mit der Serviette die fettigen Lippen ab und reichte mir den leergefressenen Teller. “Austern, sehr lecker.”

Ich schob die leeren Schalen beiseite und leckte den verbliebenen Sud von dem Teller. Genauso machte er es mit den anderen vier Tellern. Den Zucker aus der Kaffeetasse am Ende schlürfte ich nicht aus. Ich bin allergisch gegen Zucker.

“Sehen sie Halloney, so spare ich noch bares Geld. Wenn das Geschirr wieder sauber in die Küche kommt, kann ich vielleicht bei der Hotelleitung noch einen Rabatt raus schlagen.”

Ich empfand dagegen, dass einer von uns beiden zu viel in Italien sei und machte mich auf den Weg in den Norden. Zu Hause angekommen, checkte ich direkt meine Internetseite. Es gab 5 neue Klicks. Da wird mein Vermieter noch auf seine neunte Monatsmiete warten können. So läuft das hier.

 

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