Di. Nov 12th, 2019

Der schwere Tag der Ausreißer

4 min read

Der moderne Radsport ist ja durch eine gewissen Langeweile geprägt. Auf den meisten Etappen wird künstlich Spannung erzeugt indem man eine Gruppe voraus schickt und sie dann zum Schluss gemütlich wieder frisst. Das hat natürlich in erster Linie mit Aerodynamik zu tun. Nicht weil die heutigen Carbon Bikes aerodynamischer sind als die früheren Aluräder, sondern weil die meistens Fahrer im Windschatten des Pelotons ordentlich an Kalorien sparen. Es geht hier nicht um irgendwelche 10 Prozent weniger Leistung- Vielmehr hat ein holländischer Forscherteam festgestellt, dass die Jungs an manchen Stellen im Peloton nur mit einem Einsatz von 15 km/h fahren, während die Spitze mit 45 daherbraust. Allerdings muss auch sagen, dass an diesen Stellen des Feldes die meisten Stürze passieren. Die Favoriten lassen deshalb gerne im Windschatten  ihren Mannen  durch die Ebene kutschieren. Das Tempo bestimmen vorne die Flüchtlinge. Man gibt ihnen in der Regel 4 Minuten maximalen Vorsprung. Danach pendelt es sich ein. Fahren die vorne langsamer, bekommen die Jungs im Feld die Anweisung von ihren sportlichen Leitern langsamer zu fahren. Von dieser Vorgehensweise sind nicht nur die Favoriten betroffen, auch die Sprinter handeln so. Schön hinten im Feld mitwuseln und am Ende dann 4 km zügig fahren. Das gleiche gilt für die Bergflöhe, die alleine auf den flachen Etappen nie eine Chance hätten auch nur in der Karenzzeit das Ziel zu erreichen, wenn die Rouleure alleine fahren würden. Die Leistungen der Helden stehen also auf sehr kurzen Beinen. Ohne die Helfer wären Quintana, Thomas , die Yates Brüder und  so viele andere Sprinter unbekannte Nullen.

Um das ein wenig zu verschleiern schickt man Typen wie Yoann Offredo nach vorne. Die dürfen dann die Werbekolonne spielen. Ihr Trikot ganz alleine 4 Stunden lang präsentieren und so ein wenig Geld verdienen. Denn soviel internationale Sendezeit gibt es sonst nirgends und wenn, dann wäre sie umheimlich teuer. Die Sponsoren der Team`s Groupama FDJ und AG2R haben auf diese Weise ihren Umsatz vervielfacht. Die 20 Millionen für die Teams können aus der Portokasse bezahlt werden.

Trotzdem darf man nicht vergessen, dass es am Ende des Tages einen strahlenden Sieger gibt und der kommt in der Regel nicht aus der Ausreißergruppe. Die haben in der Regel nach der Flucht so viel an Kraft verloren, dass sie gnadenlos durchgereicht werden. Sich nicht mal mehr am Ende des Feldes im Windschatten halten können und auf den letzten 5 oder 10 Kilometern noch 10 Minuten verlieren. Denn die ausgeruhten Edelhelfer verballern nun ihre Kräfte, um ihre Chefs an die Ziellinie zu führen. 60 oder 70 km/h sind jetzt die Regel und wer einmal da im Wind steht, kann dem Peloton nur noch hinterher winken.

Jetzt sagen sie, manchmal klappt es aber doch. Manchmal kommen die Ausreißer durch. Gulio Ciccone von Trek Segafredo zum Bespiel. Der ist asugerissen und hat jetzt das gelbe Trikot.

Ja, das kommt vor. Wenn eine große Gruppe sich absetzt und die sportlichen Leiter sie falsch einschätzen. Hier hat der sportliche Leiter von Deceuninck Quickstep eine falsche Einschätzung gemacht und seinen Mann, Julian Alaphilippe, zu spät losgeschickt. Außerdem hat er damit gerechnet, dass die anderen Teams ein wenig mehr mitarbeiten würden. Am Ende ging seine Rechnung ja knapp auf. Nur hatte er wohl vergessen, wie die TV Kommentatoren auch, dass Ciccone unterwegs 8 Bonussekunden bei den Bergwertungen eingesackt hatte. Und nur der deshalb trug Ciccone zum eigenen und zum Erstauen aller plötzlich das Gelbe Trikot.

Ein taktischer Fehler eines sportlichen Leiters. Man soll eine Dame nicht mit einem Läufer verwechseln. Das wird so schnell nicht wieder passieren. jedenfalls nicht bei der Tour.

Aber es gibt noch eine gute andere Möglichkeit wie Ausreißer durchkommen. In den Bergen zum Beispiel. Die kommen ja meistens erst am Ende der Rundfahrten. Die Spannung soll ja bleiben. Da haben viele schon einige Stunden Rückstand und werden von den Favoriten nicht mehr ernst genommen. Denn jetzt konzentriert man sich auf das große Ganze. Etappensiege sind nicht mehr wichtig. Der Fokus liegt auch bei der Presse bei den Kandidaten fürs Podium in Paris. Da werden dann gerne mal ein paar Jungs fahren gelassen. Sofern sie nicht fürs eigene Team eine strategische Bedeutung haben. Das Team Ineos, früher SKY, hat nie seine Fahrer ziehen lassen. Die mussten nun die Arbeit für ihre Chefs leisten. Das große Ganze stand im Vordergrund. Andere Teamleiter haben nach den Tagesetappensiegen geschielt und so die Position auf dem Podest in Paris verloren. Mit solchen Leuten spiele ich gerne Schach

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