Giro Blues

Manchmal denke ich, ich werde alt. Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, ich bin völlig fertig. Ja. das muss man schonungslos so betrachten. Dabei erlebe gerade den Traum eines jeden Büromenschen. Nein, nicht den vom Hilton mit der Nichte vom Schah. Sondern den, wo ein Kerl am Meer sitzt, sagen wir ein wenig oberhalb und dem Wind lauscht. Natürlich darf eine Flasche Wein nicht fehlen. Da erfülle ich also ihre Träume und trotzdem ist es wieder nicht gut genug. Ehrlich gesagt, das mit dem Hilton fände ich auch Scheiße.

Manchmal frage ich mich, warum ich das alles mache. Als Fotograf den Jungs auf den Fahrrädern beim Fahren durch Italien zusehen. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, wegen eines Freundes  in Belgien. Der schränkt dort meine Pressefreiheit ein wenig ein 

Aber das ist es nicht wirklich.  Ich mache das, weil es mir Spaß macht. Jo, wirklich. Aber obwohl das Wetter wieder ausgezeichnet ist, relativ natürlich, gehen mir die Ressourcen aus. 64 Jahre und jeden Tag Tabletten gegen Herzrhythmusstörungen und deren Folgen machen sich halt bemerkbar.

Da ich mich hier als Fotograf und nicht als Journalist  eingeordnet habe, darf ich nur am Katzentisch der Fotografen sitzen. Dafür darf ich aber an der Ziellinie hinter den Rücken der Jungs im Schatten stehen. Ich habe , ehrlich gesagt, noch kein vernünftiges Foto von dort mit zurückgebracht. Dafür werde ich aber dem Belgier mal bei Gelegenheit den Pass mit der Inschrift vor die Augen schieben.

Vorgestern hatte es schlimm geregnet. Die Fotografen auf den Motorrädern kamen prompt nach Hause. Die Strecke wurde ein abgekürzt und schon konnte man sich nass an den Katzentisch setzen. Als die Zieleinfahrt der Jungs drohte, mussten sie alle wieder alle raus. Es gab Umkleideszenen wie vor einer Mont Everest Besteigung. Ich sagte nichts, aber ich blieb sitzen. Den Sturzregen musste ich mir wirklich nicht antun. Gestern haben sie mich nicht angeschaut. Aber heute haben mich schon wieder einige wieder gegrüßt.

Also für mich ist das schön. Ich bin der Cheffe und kann alles tun oder lassen was ich will. Zum Bespiel, auf die Zielankunft in Aquila verzichten, bestimmt richtig spannend, und am Meer sitzen und mir  ein vorüber gleitendes Segelboot anschauen. Warum also der Blues? Ich lebe meine Träume und nicht ihre und morgen werde ich auf der Strecke wieder 300 km nach Norden fahren und in Pesaro vom Rennen berichten. Aber heute bin ich erst mal geschafft. Salute.

Trotzdem machte ich einen kleinen Spaziergang. Plötzlich stand ich einem dicken Wildschwein gegenüber. Wir starrten uns beide angsterfüllt an. Auf der Wiese waren noch 10 andere große Tiere . Die kleinen sah wegen des hohen Grases nicht. Weglaufen nützt nichts. “Wildschweine können schneller laufen als Menschen, Herr Dilling. Stand in der Hund und Wild, “ sagte Pastewka in “Die zwei Weihnachtsmänner” zu Christoph Maria Herbst. Das fiel mir schlagartig ein. Dem Wildschein fiel schlagartig ein, zu verschwinden und mit ihm die ganze Rotte. Wenig später lehnte ich wieder an meinem Wagen und schaute von da aufs Meer. Geht auch. Da kam ein großes Reh über die Wiese spaziert und beachtete mich nicht. Als in der Dämmerung noch 4 Wölfe auftauchten, wunderte mich gar nichts mehr. Da hätte jetzt auch noch eine Giraffe rumlaufen können. Heute war eben doch mein Tag.

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